Start Kriegsdiestverweigerung + Deserteure "Wir waren praktisch schon tot“ - über zwei Deserteure aus Eritrea
24 | 09 | 2017
"Wir waren praktisch schon tot“ - über zwei Deserteure aus Eritrea PDF Drucken
Samstag, den 27. November 2010 um 00:22 Uhr

Das Schicksal von zwei eritreischen Deserteuren thematisiert Gaby Weiland in ihrer Gedenkrede zum entmilitarisierten Volkstrauertag in Mannheim am 14. November 2010

Am heutigen Volkstrauertag stehen wir in Ermangelung eines Denkmals für die Deserteure aller Kriege beim Gräberfeld der Soldaten.

Es gibt in Mannheim – im Gegensatz zu anderen Städten - kein offizielles Denkmal für die Deserteure. Seit 2002 steht ein Deserteurs-Denkmal, auf Privatgrund, vor dem Bücherladen in der Neckarstadt-Ost. 1993 hat es der damalige Oberbürgermeister Widder abgelehnt, dieses Denkmal - gestiftet durch die Spätverweigerer Gruppe aus München - auf dem Hauptfriedhof aufzustellen.

„Alle Kriege sind verlorene Kriege - den Deserteuren"

Seine Inschrift bleibt Mahnung auch für die Gegenwart: „Alle Kriege sind verlorene Kriege - den Deserteuren".

Heute wollen wir hier der Männer  gedenken, die sich dem Krieg, der rohen Gewalt und der Unmenschlichkeit entzogen haben - auf unterschiedliche Art und Weise und aus den unterschiedlichsten Motiven. Allen Deserteuren ist gemeinsam, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt dem Krieg ihre Unterstützung entzogen haben.

Über 20 000 deutsche Deserteure wurden vor 1945 zum Tode verurteilt. Wenige kamen mit dem Leben davon. Erst 1998 beschloss der Deutsche Bundestag ein Gesetz zur Rehabilitierung der Deserteure und eine symbolische Entschädigung der Überlebenden. Erst 2002 wurden die Urteile der Militärgerichte gegen Deserteure der Wehrmacht pauschal aufgehoben. Für den Vorsitzenden der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, Ludwig Baumann, eine späte, eine sehr späte Genugtuung für sein jahrzehntelanges Engagement.

Auch heute gibt es noch Menschen, die sich gegen Krieg und Militarisierung zur Wehr setzen, sich dem Militär und dessen Kriegseinsätzen  entziehen - und desertieren. Gerade in einer Zeit in der auch deutsche Soldaten wieder in Kriegen eingesetzt werden, ist es notwendig, jener zu gedenken, die sich der kriegerischen Gewalt entziehen.

Das war in der Vergangenheit und es ist in der Gegenwart: riskant – überall auf der Welt.Heute möchte ich ihnen das konkrete Schicksal zweier Männer aus einem der vergessenen Kriege in Afrika vorstellen.

Yonas Halle Mehari und Petros Aforki Mulugeta sind aus der eritreischen Armee desertiert. Was hat das mit uns und unserem Gedenken zu tun werden sie sich vielleicht nun fragen? Beide kamen nach einer längeren Flucht im November 2007 nach Deutschland und beantragten im Flughafenverfahren in Frankfurt politisches Asyl. Ihre Asylanträge wurden als offensichtlich unbegründet abgelehnt. Man weigerte sich, ihnen zu glauben, dass sie aus der eritreischen Armee desertiert waren und die Flucht nach Deutschland geschafft hatten. Im Mai 2008 wurden sie nach Eritrea abgeschoben, und das blieb nicht folgenlos.

Nach ihrer Ankunft in Eritrea wurden Yonas und Petros festgenommen. Nach mehrmonatiger Haft gelang es ihnen schließlich wieder zu fliehen. Aufgrund der Inhaftierung wurden ihre Asylanträge nun als glaubhaft angesehen, so durften sie schließlich im Frühsommer dieses Jahres nach Deutschland einreisen.

Eritrea ein militarisierter Staat

Eritrea ist auch 17 Jahre, nachdem die Unabhängigkeit von Äthiopien militärisch erkämpft wurde, einer der am stärksten militarisierten Staaten der Welt. Inhaftierungen und Folter gehören zum Alltag.

Eritrea ist heute eines der Hauptfluchtländer. Im vergangenen Jahr stellten weltweit 42.200 eritreische Staatsangehörige Asylanträge. Die meisten unter ihnen sind Deserteure und Militärentzieher.  In Eritrea sind alle Bürger und Bürgerinnen zum nationalen Dienst verpflichtet. Die allgemeine Wehrpflicht gilt für Männer und für Frauen zwischen 18 und 40 Jahren. Der Dienst soll offiziell nur 18 Monate dauern. In der Realität werden aber daraus meist mehr als 14 Jahre.  Seit 1994 werden Jugendliche zwangsrekrutiert oder bei Razzien auf der Straße einfach festgenommen. Seit 2003 werden alle Schul-Abschlussklassen gezwungen,  in Trainingscamps des Militärs Dienst zu tun. Erst dann bekommen die Schülerinnen und Schüler ihr Abschlusszeugnis.

Ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gibt es nicht.

Yonas Halle Mehari ist desertiert nachdem er  sieben Jahre beim Militär zugebracht hat. Zuletzt war er im Gefängnis eingesetzt. Sein Job war es, Gefangene zu verhören – auf Befehl der Vorgesetzten sollte er Gefangene auch foltern. Yonas weigerte sich, woraufhin er selbst inhaftiert wurde. Nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, sollte er wieder zu seiner Einheit zurück. Doch er desertierte.

Petros Aforki Mulugeta hat  Abitur gemacht und beim Militär die Grundausbildung absolviert. Danach wollte er studieren.  Dies wurde ihm verweigert, stattdessen wurde er weiter zum Militärdienst verpflichtet. Kritik an dieser Vorgehensweise brachten ihm 6 Monate Haft ein, die er in einer unterirdischen Zelle zubringen musste. Im anschließenden Arbeitsdienst gelang ihm die Flucht.

Yonas und Petros desertierten aufgrund ihrer persönlichen Einstellung. Menschenwürde statt Folter, Bildung statt Verrohung. Ganz persönlich haben sie die Gewaltspirale für sich durchbrochen. Damit haben sich Yonas und Petros der Militarisierung ihrer Lebensumstände entzogen. Beide sind wie einst tausende Deserteure im 2.Weltkrieg ihrem Gewissen und ihrer Überzeugung gefolgt. Damals wie heute haben die Mutigen ihr eigenes Leben riskiert und viel an Entbehrungen dafür in Kauf genommen. Yonas und Petros hatten Glück, ein zweites Mal zu entkommen.

Humane Gesinnung,  Mut zum „Ohne-mich“ und das Hören auf die innere Stimme sind bessere Ratgeber als Befehlsgehorsam.

In diesem Sinne gedenken wir.

Gaby Weiland, DFG-VK Mannheim