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27 | 05 | 2017
Rede zum Ostermarsch 2012 in Mannheim PDF Drucken
Montag, den 09. April 2012 um 13:01 Uhr

Rede von Thomas Trüper beim Ostermarsch am 7. April 2012 in Mannheim

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

nein, ich werde nicht mit dem großen Aufreger der Woche beginnen, mit Günther Grass und seinen Politversen „von letzter Tinte“. Darauf werde ich später zu sprechen kommen.

Aktion „Aufschrei“ gegen Waffenhandel


Ich möchte beginnen mit dem Hinweis auf die seit einiger Zeit laufende Kampagne „Aufschrei“ gegen den Waffenhandel, die man auch hier am Platz durch Unterschrift unterstützen kann und zu der es hier einige schriftliche Informationen gibt. Die Aktion unter der Schirmherrschaft der ehemaligen Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käsmann fordert ein generelles Verbot von Waffenexporten durch die Bundesrepublik Deutschland und eine entsprechende Klarstellung in Artikel 26 (2) GG.

Aktuelle Beispiele deutscher Waffenexporte:  Die deutsche Regierung besteht auf der Einhaltung der Waffenbeschaffungs¬verträge durch die griechische Regierung, die gleichzeitig ein beispielloses Sozialabbauprogramm durchsetzen soll. Zynismus pur!
Saudi-Arabien, dessen erzreaktionäres Herrscherhaus die Demokratiebewegung im Nachbarstaat Bahrein mit Panzern hat niederwalzen lassen, soll neue Leopard-Panzer erhalten.
Ganz aktuell vereinbarten am 20. März die deutsche und die israelische Regierung die Lieferung eines sechsten U-Bootes, das auch atomwaffenfähig sein soll.

Kriegswaffen sind dazu da, Menschen zu töten – auch und vor allem Zivilisten. Die Friedenbewegung hält dem entgegen: Mit dem Töten darf kein Geschäft gemacht werden.

Gestern wurde der Russe Victor But in New York wegen Waffenhandels zu 25 Jahren Haft verurteilt. Wegen illegalen Waffenhandels. Er habe sich um Milliarden bereichert. Was bitte ist „legaler“ Waffenhandel?

Was die ca. 80.000 Arbeitsplätze in den deutschen Waffenindustrien betrifft kann man nur ein Ziel anstreben: Konversion auch hier – Umstellung auf Zivilproduktion, z.B. im Bereich alternativer Energien.

Der Kampf um die Köpfe

Ohne Waffen keine Kriege. Aber leider ist es damit nicht getan. Nicht nur der militärisch-industrielle Komplex hält die Kriegsmaschinen am Laufen. Es sind auch die in Verantwortung stehenden Politiker, die bereit sind, die Entscheidung über den Einsatz zu treffen und hierüber nach Möglichkeit auch noch einen Konsens in nennenswerten Teilen der Bevölkerung herzustellen. Und es bedarf schließlich auch der Menschen, die das „Waffenhandwerk“ als gelungene Berufsperspektive sehen, z.B. in der „Neuen Bundeswehr“, der professionellen Interventionsarmee. Und es sind auch die Medien, die das Kriegsgeschehen positiv begleiten bzw. befeuern – insbesondere wenn es aus europäischer Sicht weit weg vom Zentrum stattfindet.

Kriege beginnen in den Köpfen und werden letztlich durch Köpfe entschieden. Und die erste Kriegstote ist immer die Wahrheit. Wir erinnern uns beispielsweise der später auch zugegebenen Lügen der Gorge-W.-Bush-Administration über angebliche Massenvernichtungswaffen des Saddam-Regimes, die bei der Begründung des Angriffskrieges auf den Irak eine tragende Rolle spielten.

Deswegen ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Kampfes für Frieden und Gerechtigkeit die politische Auseinandersetzung mit angeblichen Kriegsnotwendigkeiten und die Aufdeckung der wahren Kriegsziele hinter der humanitären Erzählfassade. Gerade die Situation, in der der Ostermarsch 2012 stattfindet, macht die Notwendigkeit dieses politischen Streits deutlich.

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde meine Damen und Herren,

Kein europäischer oder von Europa ausgehender Krieg des 20. und 21. Jahrhunderts wäre zustande gekommen, wenn es den kriegsinteressierten Kreisen und jeweiligen Kriegsprofiteuren nicht gelungen wäre, die eigentlichen Kriegsziele profund umzudeuten und so eine Massenbasis für den jeweiligen Krieg zu erzeugen. Das galt schon für den Ersten Weltkrieg.

Geradezu tragisch war die Meinungsbildung innerhalb der Sozialistischen Internationale. Die Arbeiterbewegung war in Gesamteuropa die einzige Kraft, die nicht von vornherein dem nationalistischen und chauvinistischen Taumel erlegen war. Kurz nach dem Beginn der Balkankriege 1912, also genau vor 100 Jahren und knappe zwei Jahre vor der Auslösung des Ersten Weltkrieges durch die besonders kriegslüsternen Mittelmächte Deutsches Reich und Österreich-Ungarn, führte die Internationale nach europaweiten Demonstrationen von Hundertausenden gegen einen drohenden Weltkrieg im Basler Münster einen beeindruckenden Friedenskongress durch. „Krieg dem Krieg!“ lautete die Parole. Proletarier hätten keine Probleme untereinander, auch nicht über Landesgrenzen hinweg. Für das Verbrechen des Krieges lasse man sich nicht einspannen, um Kolonien und fremde Landesteile zu erobern. Ausdrücklich sprach man sich gegen die Intervention der Großmächte im Balkankrieg und für Selbstregierung der dortigen Völker aus.

Als dann die Kriegserklärungen der Mittelmächte an Serbien und Russland erfolgten und der chauvinistische Taumel erdrückend wurde, wähnten sich die eben noch auf Antikriegskurs befindlichen europäischen Arbeiterparteien mehrheitlich jeweils zur Mitwirkung im angeblichen Verteidigungskrieg verpflichtet.
In der deutschen Sozialdemokratie hatte die Idee der Reichsregierung besonders verfangen, den Angriffskrieg gegen Russland als einen Akt der Befreiung vom zaristischen Despotismus hinzustellen.
Nur wenige der Parteiführer widersetzten sich dieser Sichtweise. Viele von ihnen fielen früher oder später Attentaten zum Opfer.
Die große Katastrophe des 20. Jahrhunderts, die nach Auffassung mancher Historiker von 1914 bis 1945 dauerte, nahm ihren Lauf.

Die Blutspur des „humanitären Interventionismus“

Was soll diese Erinnerung? Es geht nicht darum, historische Situationen von vor 100 Jahren mit den heutigen unzulässig zu vergleichen. Aber Eines ist vergleichbar: Die Überdeckung knallhart durchgesetzter oder durchzusetzender wirtschaftlicher Interessen der großen Machtzentren dieser Welt und der sie tagenden Oligopole durch kriegsbegründende Erzählungen von humanitärer Intervention, Kampf gegen Despoten, angeblichem Einsatz für Menschenrechte mit militärischen Mitteln.

Seit nun schon 21 Jahren zieht sich die Blut- und Schreckensspur des angeblich humanitären Interventionismus durch Europa, Afrika und Asien: 1991 Irak, 1999 Kosovo/Jugoslawien, 2001 Afghanistan, 2003 erneut Irak, 2011 Libyen. Und für dieses Jahr sind Syrien und Iran auf die Tagesordnung gesetzt.

Was ist die Bilanz dieser Interventionsserie von USA und NATO?

  • Die Entstehung und Stärkung von Zivilgesellschaften in den jeweiligen Ländern?
  • Ende des Terrorismus?
  • Wirtschaftliche Entwicklung?
  • Demokratischer Aufbau?
  • Sind den Ländern und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern durch die jeweiligen Kriege auch nur irgendwelche menschlichen Opfer erspart geblieben?
  • Haben diese Länder die Chance gehabt, sich von Despoten aufgrund eigener ziviler Entwicklung zu befreien?
  • Wurden ethnische Konflikte durch uneigennützige wirtschaftliche Hilfe zur Selbsthilfe seitens der reichen Länder entschärft?


Leider ist keine einzige dieser Fragen mit Ja zu beantworten. Nichts dergleichen.

Andere Fragen sind mit Ja zu beantworten:

  • Haben die westlichen Mächte USA und EU ihren Einfluss in den besagten Ländern gefestigt?
  • Haben sie ihren Zugriff auf die vorhandenen Rohstoffe gesichert?
  • Sind ihre geostrategischen Ziele erfüllt?
  • Haben sie in Bürgerkriegen aufgrund ihrer eigenen Interessenlage Partei ergriffen?


Gestern wurde des Beginns der furchtbaren Belagerung Sarajewos vor 20 Jahren und der über 10.000 Toten gedacht. Die ARD berichtete wie von einer Wetterkapriole, die kein Mensch verstehen könne. Ging es nicht um Beseitigung eines ungeliebten Staatsgebildes, welches eigenwillig dem Direkteinfluss der Großmächte auf dem Balkan im Wege stand? Ein altes Thema europäischer Großmachtpolitik in dieser Region (siehe Vorgeschichte des 1. Weltkrieges). Schürte nicht besonders die Bundesrepublik Deutschland die ethnischen Konflikte in diesem Vielvölkerstaat durch vorauspreschende Anerkennung Sloweniens und Kroatiens als selbstständige Staaten?  – Ethnische Konflikte in anderen europäischen Staaten wurden anders gelöst!

Afghanistan:
Nach 11 Jahren Besatzung und „Krieg gegen den Terror“ nimmt der Terrorismus zu, haben die alten Warlords und Stammesfürsten mehr Macht denn je, sind die Taliban obenauf und die Zivilgesellschaft am Boden. Dennoch wird die europäische und US-amerikanische „Freiheit“ weiterhin am Hindukusch verteigt. Es begann mit Pipelineprojekten aus dem Kaspischen Becken. Und mittlerweile hat man Öl, Eisenerz, Kupfer sowie Niob, Kobalt, Gold, Molybdän, seltene Erden und Asbest in Afghanistan gefunden. Die USA und NATO werden das Land nicht sich selbst oder anderen überlassen, Abzugstermine hin oder her. Die Friedensbewegung jedoch fordert den schnellstmöglichen Abzug der Besatzungsstreitkräfte, die Unterstützung beim zivilen Wiederaufbau und erstmalig die Chance für die Männer, Frauen und Kinder in Afghanistan, eigene selbstbestimmte Strukturen zu entwickeln.

Libyen:
Die letzte Tat des Interventionismus war bisher die Herbeiführung eines Regime Change in Libyen durch Unterstützung von regionalistischen Aufständen mittels der Luftwaffe einiger NATO-Staaten (ausnahmsweise mal ohne deutsche Mitwirkung) und speziellen geheimdienstlichen Einsatzkommandos auf dem Boden. Nach dem Tod Gaddafis sind die Machtpfründen im Land neu verteilt: Um Bengasi hat sich eine Föderation Ost gebildet. Misrata lebt auf eigene Rechnung. Um Schmuggler-Routen gibt es immer wieder Stammeskämpfe. Amnesty beklagt die miserable Menschenrechtssituation; besonders betroffen sind die in Libyen lebenden Afrikaner aus den südlichen Nachbarstaaten. Die Gefängnisse sind übervoll, Folterungen auf der Tagesordnung. Die Zahl der Flüchtlinge steigt. Die zentrale Übergangsregierung ist ziemlich machtlos.

Während die sozialen Demokratiebewegungen in Tunesien und Ägypten es schafften, die Despoten zu verjagen und während ihnen äußere Einmischung bisher erspart geblieben ist, sieht die Situation in Syrien ganz anders aus.

Syrien:
Auch hier scheinen, ähnlich wie in Libyen, regionale und ethnische Konflikte im Vordergrund zu stehen und die Demokratiebewegung zu dominieren. Ein grausamer Bürgerkrieg ist im Gange, eine Kriegs-Partei rund um den sog. „Syrischen Nationalrat“ ruft nach Intervention und Waffen und wurde jüngst von Saudi-Arabien mit 100 Mio $ finanziell ausgestattet.

Für Syrien fordern wir den sofortigen Waffenstillstand aller Seiten. Die Vermittlungsbemühungen des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan verdienen volle Unterstützung. Für 10. April hat Kofi Annan einen Waffenstillstand ausgehandelt.
Die USA jedoch und die meisten europäischen Regierungen haben sich bereits schon wieder auf einen notfalls von außen militärisch durchzusetzenden Regimewechsel festgelegt.

Was ist für westliche Großmachtinteressen so interessant an Syrien? Syrien beherbergt z.B. den einzigen russischen Flottenstützpunkt am Mittelmeer. Syrien pflegt gute Verbindungen zum „Schurken-“ und Öl-Staat Iran, es spielt in dem komplizierten libanesischen politischen System eine wichtige Rolle und ist steter Beteiligter im Nahostskonflikt. Grund genug für eine Intervention.

Iran:
Das Land verfügt über die drittgrößten nachgewiesenen Erdöl- und die zweit¬größten Erdgasreserven der Welt verfügt. Es schickt sich an, eine Gaspipeline-Achse über Pakistan nach China, dem epochalen Herausforderer des Westens, zu etablieren. Der Iran wird eigentlich auch als Lieferant für die Gaspipeline Nabucco gebraucht, um dieses 15 Milliarden Euro teure Projekt zur Gasversorgung der EU zu retten.
Die Zeiten, da der Iran alias Persien ein ebenso zuverlässiger Partner des Westens wie Saudi-Arabien war, sind längst vorbei. Der Zorn über das „Mullah-Regime“ war vorprogrammiert.

Abschaffung aller Atomwaffen!

Das Atomprogramm des Iran geht auf den Schah zurück und wurde mit unterschiedlichen Partnern, darunter auch der BRD, entwickelt. 1970 wurde der Atomwaffensperrvertrag, dem Persien beigetreten war, ratifiziert. Die iranischen Atomanlagen unterliegen seither der kontinuierlichen Kontrolle durch die Atomenergiebehörde. Ob alle Anlagen kontrolliert werden ist ebenso unklar wie die Frage, ob Iran tatsächlich auch an der militärischen Nutzung arbeitet. Als Indikator wird die Entwicklung der Urananreicherungstechnologie bewertet. Iran bestreitet die Ambitionen, eine Bombe zu bauen und begründet dies teilweise auch mit religiösen Gesichtspunkten.
Die israelischen Regierungen verkünden seit 1996 den nahe bevorstehenden Bau einer iranischen Atombombe. Der israelische Gemeindienst Mossad und der CIA gehen jedoch übereinstimmend davon aus, dass Iran in frühestens drei Jahren theoretisch in der Lage sei, die Bombe zu bauen.

Die iranische Atomindustrie genießt in der iranischen Gesellschaft als Ausdruck ökonomischer und politischer Unabhängigkeit große Unterstützung bis weit in die Opposition hinein. Dies erklärt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass das Land im Norden, Osten und Westen von Atommächten umgeben ist, von denen drei, nämlich Israel, Indien und Pakistan nicht dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten sind.
Ob Israel oder Iran jemals einen atomaren Erstschlag wirklich in Betracht ziehen könnten, was dem jeweiligen Selbstmord gleichkäme, ist mehr als fraglich.

Trotzdem erweist sich die atomare Bewaffnung, selbst wenn sie nicht zum Einsatz kommt und im Falle des Iran gegenwärtig gar nicht vorhanden ist, insbesondere zwischen Israel und Iran als brandgefährlich: Sie stellt eine permanente Eskalationsquelle dar in Richtung eines weiteren konventionellen Krieges in diesem hochbrisanten Teil der politischen Weltkarte mit unabsehbaren Folgen.

Israel hat in den letzten Wochen in aller Öffentlichkeit und ausführlich Pläne für einen Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen diskutiert. Ein solcher Militärschlag wäre ein völkerrechtswidriger präventiver Angriffskrieg.

Die Friedensbewegung fordert von der Bundesregierung, der EU und den USA, dass sie diesen Kriegsplänen entschieden entgegentreten. Sie müssen die Lunte von diesem unberechenbaren Pulverfass ziehen!

Die eben erst vereinbarte Lieferung eines atomwaffenfähigen deutschen U-Bootes an Israel ist eine solcher Eskalationsschritt. Die Regierung Merkel muss diesen mit Steuergeldern subventionierten U-Bootverkauf zurücknehmen!

Die tatsächlichen oder auch nur unterstellten atomaren Bedrohungsszenarien wirken auf die israelische und iranische Gesellschaft zurück und tragen zur Stabilisierung der beiden äußerst unangenehmen Regierungen bei, die beide innenpolitisch sich zu halten große Probleme haben, und die beide für unerträgliche Äußerungen (Ahmadinedschads Infragestellung des Holocaust) und Aktionen (Netanjahus Siedlungspolitik) stehen.

Bei nüchterner Betrachtung kann es hier überhaupt nur eine Lösung geben: Herstellung einer atomwaffenfreien Zone im gesamten Nahen und Mittleren Osten – als ersten Schritt zur Abschaffung aller Atomwaffen. Die alte Forderung der Ostermarsch-Bewegung erweist sich für die Entschärfung und schließlich Lösung des Nahostkonfliktes als hochaktuell.

Wir warten bisher vergebens auf durchschlagende Aktivitäten des Friedens-nobelpreisträgers Barack Obama für eine „Welt ohne Atomwaffen“, von der er beispielsweise in seiner Berliner Rede im Juli 2008 sprach.

Verwahrlosung im Umgang mit dem Begriff „Antisemitismus“

Damit sind wir nun auch bei dem jüngsten Dichterwort „mit letzter Tinte“ von Günter Grass angekommen, welches einige der hier zuvor genannten Aspekte thematisiert.

Ob das Gedicht nötig und bemerkenswert ist, bleibe dahingestellt. Bemerkenswert und zugleich beängstigend jedoch ist die Reaktion auf dieses Gedicht, die nicht anders als hysterisch zu bezeichnen ist.

Wenn Grass die Vernichtungskraft der israelischen Atombombe benennt, so ist dies eigentlich banal, denn jede Atombombe hat die Kraft, wahllos Millionen Menschen zu töten und weitere Millionen ein Überleben lang schwerst zu schädigen. Deswegen ist die Vorhaltung jeder einzelnen Bombe ein potenzielles Verbrechen und die Anwendung ein tatsächliches Menschheitsverbrechen. Das würde auch für eine iranische Bombe gelten.
Grass fordert die internationale Kontrolle der Atomanlagen beider Staaten. Und schlussfolgert:

„Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.“

Symptomatisch ist insbesondere in der Bundesrepublik der Umgang mit kritischen Positionen zur herrschenden Nahost-Politik und zu den politischen Positionen und Handlungen der gegenwärtigen israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu.

Der reflexartige Vorwurf des Antisemitismus, also einer rassistischen Weltanschauung, offenbart ein vollkommen unreflektiertes und leichtfertiges Verhältnis zur besonderen Verantwortung, die deutsche Politik nach der Shoah zu tragen hat:

Das von Deutschen begangene rassistische Menschheitsverbrechen der Vernichtung bzw. Vertreibung der europäischen Juden aus den Gesellschaften, in denen sie seit Jahrhunderten lebten, hatte eine weitere, sekundäre Folge, deren Ergebnis ein wesentlicher Beitrag zum Nahostkonflikt ist.

Die Idee der Gründer der zionistischen Bewegung um die vorletzte Jahrhundertwende war, sich den ständigen Pogromen und der antisemitischen Diskriminierung in Europa durch Auswanderung in ein zu besiedelndes Land zu entziehen– man dachte gar nicht zuerst an Palästina. Dass es keine menschenleeren Gebiete hierfür geben würde, war vorausgesetzt und man wollte aufgrund eigener leidvoller Erfahrungen für repressionsfreies Zusammenleben aller Menschen in diesem Land sorgen.

Dieses Land wurde schließlich aus vielerlei Gründen Palästina. Erst die Vernichtungspoltik des deutschen Faschismus führte zur massenhaften Einwanderung jüdischer Menschen. Diese Entwicklung als Erfüllung einer alten religiösen Verheißung für die Juden zu bezeichnen zeugt von erheblichem Zynismus und will den auslösenden Zivilisationsbruch der Ermordung und Vertreibung der Juden fast schon vergessen machen.

Als Ergebnis der Shoah leben nun Millionen jüdischer Menschen im ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina und es kam zur Gründung des Staates Israel. Im weiteren Verlauf instrumentalisierten die Westmächte im Zeitalter des Kalten Krieges und der Blockfreienbewegung diesen Staat als ihren Brückenkopf in Nahost.

Das Existenzrecht Israels ist als Ergebnis der Shoah anzuerkennen und zu schützen.
Genauso unabdingbar ist aber auch das zivilisierte Leben und die Staatlichkeit der alteingesessenen Bevölkerung und der Nachbarn zu respektieren und zu schützen.
Wege zu einer Koexistenz sind in leidvollen und opferreichen Jahrzehnten durchaus deutlich geworden. Sie verbinden sich mit dem von vielen Rückschlägen gezeichneten Friedensprozess in Nahost.

Dass die Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches in diesem Friedensprozess und in der Sicherung der Menschenrechte aller Bewohnerinnen und Bewohner des Nahen Ostens eine besondere Verantwortung trägt, dürfte deutlich geworden sein.
Dass die vielen Behinderungen des Friedensprozesses, sofern sie von israelischen Regierungen zu verantworten sind, als Inbegriff des Judentums hingestellt werden und Kritik daran somit als antisemitisch denunziert wird, das ist bei Lichte betrachtet eine besonders subtile Form tatsächlichen Antisemitismus’.
Die umstandslos an die arabischen Bevölkerungsteile in Israel / Palästina und an die Nachbarstaaten Israels gestellten Forderungen nach bedingungsloser Hinnahme jedweder Beschwernis durch die Existenz und die Aktionen des Staates Israel ist nichts anderes als die Abwälzung von Folgen der Shoah auf Menschen, die mit diesem Verbrechen ursächlich überhaupt nichts zu tun hatten und haben.

Davon zu sprechen hat Grass in seinem Gedicht auch versucht – verwinkelt vielleicht und vielleicht auch eitel, wie viele Kommentatoren hervorheben. Dass er auch noch vom „Tabubruch“ schreibt – einem inzwischen eindeutig anders belegten Begriff – hätte er sich sparen müssen.

Das aber ändert an der Sache nichts. Die geäußerte Empörung über Grass enthält ein „Weiter so, Netanjahu“, sie steht für eine Verwahrlosung in der Anwendung des Begriffs „Antisemitismus“ und ist garantiert kein geeigneter Beitrag zur Beförderung von friedlichen und sozial gerechten Lebensumständen aller Menschen im Nahen Osten.

Die Friedensbewegung bekennt sich aber – bei allen inneren Differenzen – genau zu dieser Aufgabe: Zur Herstellung einer gerechten Friedensordnung in diesem von wiederholten Kriegen, anhaltender Kriegsgefahr, von Fanatismus und Menschenrechtsverletzungen gezeichneten Weltregion.

Stoppt den geplanten NPD-Aufmarsch in Mannheim!

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde, meine Damen und Herren,

Auch wenn es in unseren Reihen sehr unterschiedliche Auffassungen geben mag über die Nahost-Politik und über „Antisemitismus“ – einig sind wir ganz sicher in der Entschlossenheit, den alten und neuen Nazis in Mannheim keinen Platz einzuräumen.
Die Nazis um NPD und „Kameradschaften“, die Holocuastleugner, die Rassisten, die ganzen Teilen unserer Gesellschaft die Existenzberechtigung absprechen, und aus deren Mitte heraus die „NSU“ schon mal Mordtaten in diesem Sinne verbricht – diese Nazis haben in Mannheim für den 1. Mai nach Jahren mal wieder einen Aufmarsch angekündigt. Lasst uns alle gemeinsam, die ganze Stadt, diesen Nazis entgegentreten, lasst uns sie stoppen, wo immer sie auftauchen. Lasst uns Zeichen setzen für die Gleichberechtigung aller Menschen und für das friedliche Zusammenleben in einer Einwanderungsgesellschaft!

Ich bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit.